August 2025
Das Gleichgewicht wahren
Antibiotika sind ein Segen. Seit fast 100 Jahren lindern sie Leid und retten unzähligen Menschen das Leben. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Nach Jahrzehnten der Fortschrittsgläubigkeit ging man noch bis in die späten 1990-er-Jahre davon aus, dass sich die Besiedelung des Darms nach der Einnahme eines Antibiotikums in kurzer Zeit erholen würde.
Als aber Wissenschaftler vor etwa 15 Jahren anfingen, das Besiedelungsmuster des Magen-Darm-Traktes mithilfe der Gentechnologie systematisch zu erfassen, stellte man erstaunt das Gegenteil fest. So dauerte es nach einmaliger Einnahme eines Antibiotikums (z.B. über 7 Tage) Wochen und Monate, bis sich das ursprüngliche bakterielle Gleichgewicht im Darm wiederhergestellt hatte. Eine wiederholte Antibiotikatherapie war sogar über Jahre nachweisbar, möglicherweise sogar lebenslang. Diese regelrechte Verarmung der Bakterienvielfalt im Darm hat für den gesamten Körper mannigfaltige, unabsehbare Folgen, nicht nur für unser Immunsystem, sondern z.B. auch für unser Gehirn. Das ist wenig verwunderlich, denn unser Körper beherbergt mindestens doppelt so viele Bakterien, wie er selbst über eigene Zellen verfügt.
Nach der Einnahme von Antibiotika (=Antibiose) liegt es also nahe, die Erholung der Darmflora mit der Einnahme von Darmbakterien zu unterstützen. Das ist nach meiner langjährigen Erfahrung sehr hilfreich, doch nur die Hälfte der Wahrheit: Jüngst stellten amerikanische Wissenschaftler fest, dass nach einer „Antibiose“ auch die Art unserer Ernährung den Darmzustand entscheidend beeinflusst. Die typische westliche Ernährung (reichlich industriell aufbereitete Kohlenhydrate, viel Fett, wenig Ballaststoffe, oft Zucker, Zusatzstoffe, ungenügendes Kauen, zu häufiges Essen) verhinderte die Wiederherstellung gesunder Verhältnisse im Darm, während eine gesunde, ausgewogene und zuckerarme Ernährung (weder zu wenig noch zuviel oder zu häufig, gut gekaut) mit reichlich Pflanzenkost die Erholung der Darmflora förderte.
Es gilt das alte Sprichwort: „Du bist, (wie und) was Du isst.“
Dr. Hans Peter Weinschenck

